Woischd, Willi, Penetranz isch ned gscheit, noi!

Seitenbacher-Werbung nervt viele Verbraucher

Die Funkspots des Müsliherstellers Seitenbacher setzen seit über drei Jahrzehnten auf Penetration der Zielgruppe. Die schlichten, geschwäbelten Texte, deren leiernde Intonation und die übertriebene Wiederholung des Markennamens treiben Verbraucher in den Wahnsinn – und in den Boykott. Verantwortlich ist der Chef.

Babsi ruft auf der Facebook-Seite „Stoppt den Seitenbacher-Mann“ dazu auf, sämtliche Produkte des Müsliherstellers Seitenbacher aus dem Odenwald zu boykottieren. „Dann haben sie nämlich kein Geld mehr für Radiowerbung“.

Liebe Babsi, den Zahn muss ich dir leider ziehen. Die Seitenbacher-Radiospots sind unfassbar günstig produziert. Und zwar vom Seitenbacher-Chef höchstselbst. In seiner Freizeit. Im privaten Kellerstudio. Mit ihm als Texter, Sprecher und Produzent in Personalunion. Aber schwäbische Sparsamkeit war nur anfangs das Motiv. Längst glaubt der Chef selbst an das angebliche Erfolgsrezept Penetration.

  

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Willi Pfannenschwarz heißt der Mann, ist Spross einer Bäckerdynastie und Hobby-Rockmusiker. Daher auch die schrillen Gitarrenriffs als „Hinhörer“ früherer Werbewerke. An ihm haben sich schon viele die Zähne ausgebissen. Das Internet ist voller verzweifelter bis aggressiver Hilferufe von Radiohörern, voller Parodien, Kabarettnummern, kritischer Zeitungsartikel. Das lauteste Alarmzeichen sind aber die zahllosen Bekenntnisse von Verbrauchern, das Produkt – egal wie gut es sei – wegen der nervigen Werbung nicht zu kaufen.

  

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Der Patriarch aber ist immun gegen Kritik an seinem Oeuvre. Werbefachleute, so verriet er mal einer Tageszeitung, hätten ihr anfängliches Kopfschütteln längst abgelegt: „Heute sagen viele von denen: ’Das ist Kult, das darfst du jetzt nicht mehr ändern.’“ Mal abgesehen davon, dass das bestimmt keine repräsentative Umfrage war: Natürlich darf er das. Er sollte sogar.

Es wäre eine gute Gelegenheit, seiner Marke einen angemessenen und zeitgemäßen Auftritt zu geben. Seitenbacher-Produkte sind hochwertig. Und die Zielgruppe sind intelligente Menschen, die auf Körper und Gesundheit achten. Das sollte sich in der Werbung widerspiegeln: Qualität statt Qual. Denn zum Körper gehören neben dem Verdauungstrakt auch die Ohren und das Hirn.

„Radiowerbung dient zur Steigerung der Bekanntheit und des Abverkaufs“, sagt Pfannenschwarz. Stimmt. Aber nicht um jeden Preis.

  

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Zu glauben, die Marke verdanke ihre Bekanntheit allein der Stimme ihres Herrn, wäre naiv. Möglicherweise wäre Seitenbacher mit wunderbarer Werbung noch viel erfolgreicher. Die alte Werbeweisheit, die besagt, dass es keine schlechte Aufmerksamkeit gibt, gilt längst nicht mehr. Es gibt eine stetig wachsende Auswahl an Alternativprodukten. Und in Zeiten von Social Media können sich Verbraucher längst auch öffentlich wehren. Zum Schaden der Marke. Menschen mögen es einfach nicht, wenn eine Marke sich uneingeladen und offen manipulativ in ihren Kopf hämmert. Für die langfristige Kundenbeziehung ist Respekt und Rücksichtnahme definitiv besser.

Statt bei seiner Werbung allein auf sein Gefühl zu hören und Bestätigung in dem Ordner mit ausgedruckter Fanpost zu suchen, der in seinem Büro steht, könnte Willi Pfannenschwarz es auch mal mit Testen und Erfolgsmessung versuchen. Er könnte professionelle, emotionale, charmante Funkspots gegen seine eigenen antreten und sich von den Ergebnissen inspirieren lassen. Erfinden sich Musiker nicht immer wieder neu?

Woischd, Willi, du solldschd emol netter zu dei Zielgrupp sein. Jetz probiersch halt! Des tut au dir gut!

  
  

  
  

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