Fleurops Liebe zur Realität verdient Blumen

Screenshot "Vater und Sohn" ©Fleurop

Ein Vater chauffiert seinen muffeligen Teenager-Sohn, ein Paar streitet sich, ein älterer Mann sitzt allein in einem Straßencafé. In den neuen Spots des Blumenstraußvermittlers Fleurop sieht es nicht aus wie in Milkas neuem Kitsch-Alpendorf „Lilaberg“ oder in den schnöseligen Adels- und Promi-Welten von Ferrero Rocher. Man sieht auch keine tränenreichen Heiratsanträge, keine gerührten Muttertagsmütter – nicht einmal Blumen.

Vor wenigen Wochen startete Fleurop mit „Jeder verdient Blumen“ eine Kampagne aus sechs kurzen Clips, die in der Fachpresse und den sozialen Medien für Anerkennung und Irritation sorgt. Denn Fleurop verweigert sich der üblichen Werbeästhetik radikal und wirft einen leisen, zärtlichen Blick auf seine Zielgruppe.

Gleich im ersten Spot „Valentinstag“ streitet ein Paar. Sie lächeln nicht, sie versöhnen sich nicht. Am Ende herrscht Schweigen. Aber trotzdem verlässt keiner den Raum. „Liebe ist eben nicht immer rosarot“, schreibt Fleurop dazu auf seiner Website. Wie wahr. Und doch weiß der Zuschauer aus eigener Erfahrung, dass die Liebe Streit überstehen kann.

Auch der zweite Spot „Vater und Sohn“ zeigt Gefühl. Ein Vater holt seinen heranwachsenden Sohn vom Fußballspiel ab. Die Autofahrt verläuft schweigend. Diesmal allerdings ist es ein gutes Schweigen mit kleinen Gesten der Zuneigung. Sohnemann ist ohne erkennbaren Grund schlecht gelaunt, und der Vater tut das Beste, das der Vater eines Teenagers tun kann: Er hält die Klappe und nervt nicht. Ja, das hat wirklich Blumen verdient. Irgendwann später einmal. Wenn der Filius aus seiner hormonellen Isolation wieder raus ist.

Im aktuellen Spot „Café“ erleben wir einen älteren Mann jenseits der Arbeitsjahre. Der Kellner hastet achtlos vorbei. Ein kurzer Flirt mit den jungen Damen vom Nebentisch verpufft. Im Gesicht des Mannes flackern Einsamkeit und genussvolles Alleinsein. Man spürt Vergänglichkeit, Wehmut und Gelassenheit. Magisch.

Fleurop erzählt in seiner Kampagne „Jeder verdient Blumen“ kleine, alltägliche Geschichten, hinter denen sich ein ganzes, alltägliches Leben verbirgt. Das ist das Besondere der Spots. Es sind nicht die üblichen Ausflüge in Paralleluniversen, in denen alle reicher, schöner und glücklicher sind. Es sind Momentaufnahmen, die sich vertraut anfühlen. Diesen Mut zur Authentizität findet man auch in der Auswahl der Drehorte und im Zusammenspiel von Casting, Ausstattung, Schnitt, Licht und Ton. Das ist ungewohnt und erschließt sich nicht jedem sofort, der die Spots in der so genannten „Best Minute“ vor der ARD-Tagesschau sieht. Wer sich darauf einlässt, wird berührt und denkt an seine Lieblingsmenschen.

Aber, ach, die Texte. Ich empfehle, die Spots ohne Ton anzuschauen. Was gesagt wird, wirkt gestelzt und glattpoliert. Die Worte liegen über den Bildern wie… Werbetexte. Sie sind viel zu groß und blah für die feinen, kleinen Szenen. Aber hey, das ist ein handwerklicher Mangel, mehr nicht.

Etwas schade auch die ungeschickte Doppelbotschaft am Ende der Clips. Kaum kann man über die wichtige Frage „Und wer hat in deinem Leben Blumen verdient?“ nachdenken, da bekommt man gleichzeitig schon die Fakten serviert: 50.000 Floristen. Punkt. Weltweit. Punkt. Dazu eine Fotocollage mit einigen dieser 50.000 Floristen – Bildmotive der aktuellen Plakatkampagne. Ein leiseres Ende mit Raum für den Nachhall hätte ich schöner und passender gefunden.

Das Konzept wurde inhouse von Winnie Lechtape, Bereichsleiterin Kommunikation und Marketing, gemeinsam mit der Regisseurin Sonja Müller und dem Produzenten Yan Schoenefeld entwickelt. Es war keine Agentur beteiligt. Die mutige, sperrige Idee kommt also direkt aus dem Unternehmen und hat es unverbogen ans Licht der Öffentlichkeit geschafft. Chapeau! Da verzeihe ich die etwas angestrengten Texte und die kleine Unsicherheit am Ende doch gerne und bin gespannt auf die nächsten drei Spots der Serie:
  
„Mutter mit Kindern“: 11. April, 21. April, 30. April, 6. Mai, 7. Mai
„Supermarkt“: 13. Mai, 19. Mai, 30. Mai, 4. Juni
„Businessman“: 9. Juni, 17. Juni
(jeweils 19:59 Uhr, ARD)
  
Und natürlich im Youtube-Kanal von Fleurop.

  
  

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